Die Kleine Teeschule, Teil 5 : (Dein) Tee und (sein) Kultivar

Was ist ein Teekultivar?

Ein Teekultivar ist eine spezifische Unterart der Teepflanze, Camellia Sinensis. In der Literatur findet der Begriff häufig synonyme Verwendung mit dem Begriff „Varietät“. Genauer betrachtet deutet der Begriff Kultivar aber eher auf eine durch „Kultivierung“, also vom Menschen erzeugte Art hin. Der Begriff Varietät dagegen ist neutralerer Natur und steht einfach für eine „Variation der Art“.

Teepflanzenart - Varietät oder Kultivar?

Wir haben in den vorangehenden Lektionen bereits einiges über die Anpassungsfähigkeit der Camellia Sinensis an unterschiedliches Terroir gehört. Lass uns nun einen näheren Blick darauf werfen, wie genau eine solche Anpassung vonstattengeht.

Wie entsteht ein Teekultivar?

Wie du schon in Lektion 1 gelernt hast, kann die Vermehrung von Teepflanzen auf zweierlei Art stattfinden. Dies wäre einmal die natürliche (sexuelle) Vermehrung durch den Samen der Pflanze und andererseits die Vermehrung über Ableger derselben. Die letztere Methode bezeichnet man auch als „Klonen“. Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass die entstehenden Klone immer genetisch identische Abbilder ihrer Mutterpflanze sind. Anpassungsprozesse sind bei dieser Art der Vermehrung folglich ausgeschlossen.

Anders bei der Vermehrung einer Teepflanze durch ihren Samen… Hier bleiben die Nachkommen ihrer Mutterpflanze genetisch dauerhaft nur unter identischen Umweltbedingungen, sprich Terroir, treu. Bei nachhaltig verändertem Terroir dagegen, z. B. durch Verpflanzung an einen anderen Ort oder Änderungen im Klima, wird es unter den Nachkommen zu genetischen Abweichungen kommen. Diese Abweichungen stellen Anpassungsversuche der Teepflanze an das veränderte Terroir dar. Wo eine solche Abweichung sich durchsetzt, d. h. sich weiter vermehrt oder vom Menschen durch Klonung fortgeführt wird, entsteht ein neuer Kultivar.

Varietät und Kultivar – der feine Unterschied

In der Natur gibt es natürlich nur die natürliche Vermehrung über den Samen. So haben sich an verschiedenen Orten über lange Zeiträume und bei konstantem Terroir jeweils bestimmte heimische Varietäten herausgebildet. Dies sind die klassischen Teepflanzenvarietäten, wie wir sie heute kennen. Gute Beispiele hierfür wären einmal mehr die Long-Jing-Tee-Varietät in Hangzhou oder die alten Steintee-Varietäten Wuyishans. Verpflanzt man Klone einer solchen Varietät an einen anderen Ort mit abweichendem Terroir, werden sie dort abweichende Ergebnisse erzielen. Ist die Abweichung im Terroir zu stark, wird die Teepflanze an dem neuen Ort gar nicht erst gedeihen, bzw. nicht lange überleben.

Teekultivare und -Varietäten - bekannte Beispiele
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Für den Anbau von Tee an einem neuen Ort wird man deshalb sinnvollerweise von vornherein eine Varietät wählen, deren heimisches Terroir dem des gewählten Ortes so nahe wie möglich kommt. Auf diese Weise stehen die Chancen gut, dass die Varietät auch am neuen Ort gute Ergebnisse erzielen wird. Trotzdem wird man an einem solchen neuen Ort immer auch natürlich reproduzierte Nachkommen erzeugen. In diesen auftretende Veränderungen (Mutationen) wird man dann zu bewerten und bei positiver Bewertung weiter zu vermehren suchen. So entstehen über kurz oder lang praktisch überall, wo der Teeanbau Einzug hält, neue Kultivare.

Du kannst das gern selbst einmal ausprobieren. Versuche hierzu, eine Teepflanze eines möglichst gut an kühlere Klimate angepassten Kultivars in deinem heimischen Garten anzupflanzen. Wenn du es schafftst, deine Teepflanze bis zur Samenreife zu bringen, kannst du in der oben beschriebenen Form fortfahren. Vielleicht gelingt es dir ja sogar, binnen einiger Generationen einen an das Terroir deines Gartens angepassten Kultivar zu erschaffen. Diesem kannst du dann deinen Namen geben… Ob der Tee deines Kultivars sich letztlich als des Aufwandes wert erweisen wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Terroir + Teekultivar = Teepflanze

Dein Tee und sein Kultivar

Das Zusammenspiel zwischen Terroir und Kultivar an einem bestimmten Ort bestimmt also die Eigenschaften der dort wachsenden Teepflanze. Dies bezieht sich zum einen auf deren Erscheinungsbild, also Wuchs, Blattform, Blattgröße usw… Zum anderen entscheidet es aber auch über die genaue Zusammensetzung und Konzentration der Inhaltsstoffe im Blatt dieser Teepflanze. Das heißt, darüber, wie dein Tee schmecken und wirken KANN. Kann, wohlbemerkt, denn von besagter Teepflanze bis zum Tee in deiner Tasse ist es noch ein weiter Weg…

Der nächste Schritt auf diesem Weg ist die Art und Weise, wie dein Tee angebaut wird. Und genau damit werden wir uns in der nächsten Folge der kleinen Teeschule beschäftigen:

„Die Kleine Teeschule – Das ABC vom Tee, Folge 6 : Tee und Anbaustile“

Empfohlene Quellen und Begleitmaterialien

Als begleitende und vertiefende Quellen zu Teil 5 der Kleinen Teeschule empfehle ich:

–              die bereits fertiggestellten Lektionen 1-4 meines Teekurses auf TeeKolleg Online. Dort findet ihr animierte Videos, ausdruckbare Kursmaterialien und einen kleinen Lernerfolgskontrolle für jedes der hier behandelten Themen:

  1. Was ist eigentlich Tee?
  2. Die Teepflanze – Camellia Sinensis und ihre Unterarten
  3. Ursprung und Verbreitung der Teepflanze
  4. Teesorten, Varietäten und Kultivare

–              die ausführlichen und reich illustrierten Texte zu jedem Themenbereich im Siam Tee Blog, zu diesem Teil 1:

  1. Was ist eigentlich Tee? – Camellia Sinensis vs. „teeähnliche Erzeugnisse“
  2. Ursprung u. evolutionäre Verbreitung d. Teepflanze in China u. Südostasien
  3. Teesorten und ihre Varietäten    

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