Thai-Tee Blog

Tee aus Darjeeling – zwischen kolonialen Wurzeln und neuer Identität

1. Koloniale Verwurzelung des Teeanbaus in Darjeeling

1.1. England als Kolonialmacht in Indien

Von 1858 bis 1947 befand sich Indien unter britischer Kolonialherrschaft. Das ist noch gar nicht so lange her, und die seinerzeit geschaffenen Strukturen sind in der indischen Gesellschaft – und Wirtschaft – bis heute erkennbar. Ein Beispiel hierfür ist die soziale und wirtschaftliche Organisation des Teeanbaus in Darjeeling.

Tee aus Darjeeling - Teepflückerin in Indien

1.2. Tee als Bestandteil der britischen Kultur im 19. Jahrhundert

Dank einer langen Geschichte des britischen Handels mit China hatte der Tee schon lange vor der Kolonialisierung Indiens Einzug in die englische Gesellschaft gehalten. So hatte sich das Teetrinken am britischen Hof und innerhalb des Adels zum Zeitpunkt der Kolonialisierung Indiens bereits als ein fester Bestandteil der britischen Kultur etabliert. Umso größer war der aus Handelskonflikten mit China erwachsende Druck, denn Tee… gab es seinerzeit nur aus China. Lange hatte man deshalb in England bereits darüber nachgedacht, wie man seine Teeimporte von der Gunst der Chinesen unabhängig machen könne. Und so war es kein Zufall, dass die Teepflanze gerade zu jener Zeit ihren Weg nach Indien fand.

East India Company

1.3. Robert Fortune – historischer „Diebstahl“ von Teepflanzen aus China

Im Mai des Jahres 1848 reiste der britische Botaniker Robert Fortune im Auftrag der East India Trade Company nach China, wohin er bereits zuvor ausgedehnte Reisen unternommen hatte. Somit galt er nicht nur als leidenschaftlicher Pflanzensammler, sondern auch als Kenner der chinesischen Kultur und Sprache. UND: er war einschlägig vertraut mit einigen der Teeanbaugebiete in China, welche er auf früheren Reisen studiert hatte. Häufig wird erzählt, Robert Fortune sei der erste Europäer gewesen, der wusste, dass schwarzer Tee und grüner Tee aus der gleichen Pflanze hergestellt werden.

All dies qualifizierte ihn für seinen aktuellen Auftrag, weiteres Wissen über den Anbau und die Verarbeitung von Tee vor Ort in China zu sammeln… Sowie Tee-Samen und Stecklinge nach Indien zu schaffen! In der Folgezeit verschiffte Robert Fortune mehreren Jahre lang heimlich Stecklinge und Sämlinge von Teepflanzen nach Indien. Darüber hinaus konnte er einige chinesische Teebauern dazu bewegen, ihn nach Indien zu begleiten, um dort beim Aufbau der Teeplantagen und Teeproduktion zu helfen.

Robert Fortune - A Journey to the Tea Countries of China

1.4. Anfänge des Teeanbaus in Indien – Assam und Darjeeling

Bereits kurze Zeit später gelang es britischen Wissenschaftlern im Botanischen Garten von Kalkutta, die von Robert Fortune nach Indien geschickten Teepflanzen zu vermehren. In der Zwischenzeit hatte ein weiterer Brite, Robert Bruce, native Teebäume im nordostindischen Region Assam entdeckt. Während Robert Bruce, und nach dessen frühem Tod sein Bruder Charles Alexander Bruce, mit der Entwicklung des organisierten Teeanbaus in Assam begannen, wurde die südöstlich von Assam gelegene fruchtbare Hochlandregion Darjeeling als Anbaugebiet sowohl für Teepflanzen aus Assam wie auch für die neuen China-Kultivare auserkoren.

Teeanbaugebiet Darjeeling

2. Soziale, und wirtschaftliche Strukturen der kolonialen Teeproduktion in Darjeeling

2.1. Organisation des Teeanbaus in Form großer „Estates“

Dementsprechend wurden in der Folgezeit große Ländereien in Darjeeling unter der Leitung britischer Nobelmänner und Aristokraten sowie einiger wohlhabender indischer Günstlinge der britischen Krone mit Teepflanzen bepflanzt. So entstanden die großen, im kolonialen Stil organisierten „Darjeeling Tea Estates“, welche die Tee-Industrie Darjeelings bis heute prägen.

Tee aus Darjeeling - Karte von Darjeeling mit Tee-Estates

2.2. Der Faktor Arbeit im kolonialen Darjeeling Tea Estate

Nun, was bedeutet hier „kolonialer Stil“? Zum einen bedeutete es – Dank eines allumfassenden Monopols der kartellartig organisierten Tee-Estates – die Abwesenheit von Wettbewerb. Zum zweiten bedeutete es aber auch die unheilige Liaison der hochgradig hierarchisch und in Kasten strukturierten indischen Gesellschaft mit der „Herrenrasse“-Mentalität der britischen Kolonialherren. Dementsprechend lassen sich die Arbeitsbedingungen der Teepflücker und Arbeiter in Darjeelings Tee-Estates zu jener Zeit wohl am treffendsten mit den Begriffen „Ausbeutung“ und „an Sklaverei grenzend“ beschreiben.

Teepflücker in Darjeeling

2.3. Der Faktor Qualität im kolonialen Darjeeling Tea Estate

Ein weiteres Opfer der kolonialen Mentalität war die Qualität des Tees. Denn mit der Verfügbarkeit des im Vergleich zu China sehr viel günstigerem Tee aus Indien entwickelte sich in England – und nun auch im übrigen Europa – der Massenmarkt für Tee. Hierbei muss man berücksichtigen, dass Tee auch aus Indien immer noch mit dem Schiff -oder über endlose Karawanenrouten – nach Europa gebracht werden musste.  Dies dauerte nach wie vor Monate – wenn auch weniger Monate. Nun ist grüner Tee einem „Lebenszyklus“ unterworfen, der sich mit Monaten feuchter Lagerung in Schiffsbäuchen nicht verträgt. Tee musste deshalb schwarz sein – und BILLIG!

Wie zu erwarten, hatte die billigpreis-orientierte Massenproduktion von Tee in Darjeeling eine Flut negativer Konsequenzen. Hier wären beispielswiese die Folgen intensiver, großflächiger Monokultur zu nennen. Oder die gesundheitlich Folgen eines rückhaltlosen Umgangs mit Pestiziden. Und natürlich ein Qualitätsverständnis, in dem „Orange Pekoe“, was letztlich nichts weiter heißt als „ganzes Blatt“, zur Luxusklasse unter den verfügbaren Qualitäten wurde, während sich am anderen Ende der Skala das durch CTC- („Crash-Tear-Curl“) Technik gewonnene Teepulver als der „Tee des kleinen Mannes“ etablierte.

2.4. Rufschaden und Identitätsverlust

So kommt es, dass gegen Ende des 20. Jahrhunderts schließlich eine bizarre Situation entstand. Einerseits füllte Tee aus Darjeeling zwar die Tassen Europas. Andererseits war die öffentliche Wahrnehmung europäischer Teetrinker von Tee aus Darjeeling aber keineswegs die eines besonderen Wertes. Tee wurde vielmehr zu einer Selbstverständlichkeit. D. h. selbstverständlich billig, selbstverständlich aus Indien, selbstverständlich im Teebeutel, selbstverständlich in jedem Küchenschrank. Und selbstverständlich mit Milch und Zucker.

Der Teebeutel - Das ultimative Schicksal der meisten Massen-Blends

3. Tee aus Darjeeling auf dem Weg zu einer neuen Identität

3.1. Tee im Zeitalter der Globalisierung

Heute sorgen moderne Transport- und Kommunikationswege auch auf dem Teemarkt für globale Strukturen. Längst ist Großbrittannien nicht mehr der einzige große Abnehmer für Tee in Europa. Gleichzeitig kommt der Tee in Europa heute nicht mehr nur als Indien und Sri Lanka.So gibt es in Deutschland heute beispielweise wieder guten Tee aus China. Auch grüne Tees aus Japan haben es mittlerweile geschafft, die europäischen Märkte zu erobern. Und zu den klassischen Herkunftsländern für Tee gesellen sich zunehmend auch – durchaus authentische – Exoten. Beispiele hierfür wären Tee aus Vietnam, Tee aus Laos oder Tee aus Nordthailand.

3.2. Erwachen eines neuen Qualitätsverständnisses

Dass Tee aus Darjeeling aber eigentlich etwas ganz Besonderes ist – oder sein könnte, ist vor Ort eine noch recht junge Erkenntnis. Dennoch zeitigt der nachhaltige Trend zu mehr Qualität beim Tee auf dem westlichen Markt während der vergangenen Jahre auch in Indien zunehmend süße Früchte. So wird Qualität bei den traditionellen Sorten von Tee aus Darjeeling bereits seit einer ganzen Weile stärker differenziert und identifizierbar gemacht. Dies spiegelt sich in dem bekannten Gradierungssystem für Tee aus Darjeeling wieder. Mehr über das traditionelle System indischer Blattgrade liefert unser Artikel

Blattgrade, Pflück- und Verarbeitungsstandards – Objektive Kriterien zur Qualitätsbeurteilung von Tee

Jungpana Darjeeling Tea Estate

3.3. Diversifizierung des Darjeeling Tee-Portfolios

Aber nicht nur Qualität gibt es aus Indien heute auf hohem Niveau, sondern auch eine völlig neue Vielfalt des Teeangebots. So kommt der Klassiker des indischen Tees, der schwarze Tee, plötzlich in den verschiedensten neuen Gewändern daher. Das Spektrum reicht vom modernen, blumig-frühlingsleichten First Flush über vollmundige, dunkel geröstete Second Flushes bis zu erdig-malzigen „Autumnals“.

Goomtee Spring

Goomtee Spring „Oolong“, First Flush 2018

Nun entspricht der klassische Darjeeling-Tee am ehesten den als schwarzer Tee verarbeiteten First und Second Flush. Die modernen, im Stil eines Oolong-Tees oder gar fast grün verarbeiteten First Flushes dagegen fügen der Welt des Tees etwas vollkommen Neues hinzu. Gleiches gilt für die malzig-milden und vergleichsweise koffeinarmen „Autumnals“. Nun bereichern solche neuen Entwicklungen aber nicht nur die Welt des Tees mit  neuen Sorten. Sie geben darüber hinaus auch starke Impulse zugunsten einer neuen Wahrnehmung und Identität für Tee aus Darjeeling.

Giddapahar Second Flush 2017

Second Flush des Giddapahar Darjeeling Tea Estate

Parallel zur Entwicklung neuer Sorten sehen wir aus Darjeeling heute auch zunehmend Versuche des Kopierens chinesischer Klassiker. So sind grüne Tees aus Darjeeling längst keine Seltenheit mehr. Und immer öfter lesen wir gar „White Peony“, „Silver Needle“ oder „Oolong-Tee“ auf den Verpackungen von Tee aus Darjeeling. Allerdings sind die Ergebnisse solcher Experimente bisher – wohlwollend ausgedrückt – eher „durchwachsen“. Es scheint als seien entweder die lokalen China- und Assam-Hybride oder die Sonne Darjeelings diesen Teesorten nicht wirklich zuträglich. So stellt sich letztlich die Frage, ob das Kopieren chinesischer Klassiker nicht doch vielleicht eher eine Sackgasse der Diversifizierung des indischen Tee-Portfolios ist.

Makaibari Autumn Flush 2017

„Autumnal“ (Herbstpflückung) des Makaibari Darjeeling Tea Estate

3.4. Geschützter Begriff „Darjeeling Tee“

Um Tee aus Darjeeling von Tees abzugrenzen, die den großen Namen Darjeeling fälschlicherweise als Werbung für sich verwenden, ist der Name „Darjeeling“ seit dem 11.11.2016 als geographische Herkunftsbezeichnung für Tee geschützt. Seitdem dürfen nur noch entsprechend in Darjeeling registrierte Teegärten ihren Tee als „Darjeeling“ verkaufen. Aktuell gibt es über 100 in solcher Weise registrierte Teegärten in Darjeeling.

3.5. Aufbrechen der kolonialen Strukturen

Heute ist es nun gut 70 Jahre her, seit England sich als Kolonialmacht aus Indien zurückzog und das Land unabhängig wurde. Viel Wasser ist seither den Ganges hinuntergeflossen. Dennoch sind die alten Strukturen noch vielerorts sichtbar – und zum Teil erstaunlich gut erhalten. Ein Beispiel hierfür sind die großen Tee-Estates Darjeelings. So klagen die Pflücker und Arbeiter in vielen von diesen bis heute über karge Entlohnung und unzumutbare Lebens- und Arbeitsbedingungen.

3.6. Wachsende “Small Growers”-Bewegung

„But the times, they are changing“… Nicht nur in Assam, sondern auch in Darjeeling bilden sich mittlerweile „Small Growers Associations“ – Vereinigungen kleiner Teebauern, die gemeinsam Plattformen für den Vertrieb ihrer Tees etablieren. Und sich ihres einzigen großen Vorteils gegenüber den großen Anbieter besinnen: Qualität. Das will nun nicht heißen, dass Tees von kleinen Teebauern besser sind als die der großen Estates. Aber es bedeutet, dass der kleine Sektor „Artisan-Tee“ hier zum Zuge kommt. Und soviel sagt die Erfahrung: wo immer Menschen Tee mit einer Leidenschaft für diesen mit ihren eigenen Händen pflücken und verarbeiten, wird es auch gute Tees geben!

Assam Spring Tippy Black from Latumoni tea garden (small grower)

Assam Artisan Black Tea of Latumoni Tea Garden („Small Grower“)

3.7. “Landflucht” der Teepflücker und Automatisierung in Darjeeling

Ein weiteres Zeichen von Veränderung ist die vielzitierte „Landflucht“ von Teepflückern und Plantagenarbeitern in Indien. Grund hierfür ist ganz einfach die Verfügbarkeit attraktiverer Alternativen in den Städten. Das heißt, bessere Jobs mit besseren Arbeitsbedingungen, mehr Geld und einer durch das städtische Umfeld gegebenen Anbindung zur „großen weiten Welt“. Nun könnte man denken, das Problem ließe sich dadurch lösen, dass man in den Tee-Estates bessere Arbeitsbedingungen schafft und den Arbeitern höhere Löhne zahlt. In Darjeelings großen Tee-Estates denkt man aber anders… Hier zieht man es stattdessen vor, auf die Segnungen der Automatisierung und Maschinisierung von Pflück- und Verarbeitungsprozessen zu setzen. Wie schon gesagt, das heißt nun nicht, dass dort kein guter Tee mehr produziert wird. Die echten Leckerbissen aber könnten sehr wohl bald verstärkt aus kleinen Teegärten kommen.

Assam Spring Tippy Black from Latumoni tea garden (small grower)

Assam Artisan Black Tea of Latumoni Tea Garden

3.8. Neue Chancen für Umwelt, Gesundheit und Teequalität

Wer als kleiner Teebauer in Darjeeling jetzt auf zertifizierten Bio-Anbau setzt, hat ohne Zweifel die Nase vorn. Naturnahe Kultivierung ohne Verwendung von Pestiziden ist nämlich etwas, das von den großen Estates offenbar nur ganz wenige können. Lobend zu erwähnen wäre hier übrigens der Makaibari Tee-Estate. Dieser ist nicht nur seit vielen Jahren Demeter-zertifiziert, sondern hält sich auch hinsichtlich schlechter Arbeitsbedingungen erfolgreich aus den Schlagzeilen heraus.

Darjeeling Small Growers : Passabong Spring 2018 EX 1-4

EX 1-4 of Passabong Darjeeling Tea Garden’s First Flush 2018 – „Small Grower“

Wie das Beispiel des Makaibari-Estates zeigt, wo der in diesem Jahr scheidende Betreiber gerade einen beträchtlichen Teil seiner Anteile am Estate den Arbeitern desselben überschrieben hat, gibt es auch bei den großen, etablierten Estates durchaus Veränderungen. Insgesamt bleibt es spannend zu sehen, was Tee aus Darjeeling an neuer Vielfalt in Zukunft zu bieten haben wird. Denn eins ist klar: Darjeeling-Tees SIND einzigartig! Und nachdem sie nun jahrzehntelang nicht wegzudenken waren aus den Küchenschränken der Nation, ist es Zeit, dass sie nun auch die Wertschätzung derer erobern, die TEE BEWUSST GENIESSEN.

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