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Doi Tung Tee, Teil 1: Mohnfelder zu Teegärten – Das Königliche Entwicklungsprojekt

Mohnfelder zu Teegärten

Die Königlichen Entwicklungsprojekte

Doi Tung: Thailändisches Königspaar / Teegärten / Königliches Entwicklungsprojekt

“Great things come from small beginnings.
A gentle ripple starts from just a single drop.
That wave ever expanding, with no end in sight,
Begins from one very small point, our own self.”

Um zu verstehen, wie in Nordthailand in relativ kurzer Zeit aus Mohnfeldern Teegärten wurden und wie der gezielte Anbau, die Verarbeitung und die Vermarktung von Tee (Camellia Sinensis) überhaupt Einzug in Nordthailand gehalten haben, muss man zunächst die Situation in Thailand Anfang der 50er Jahre sowie die Ursprünge und den Charakter der Königlich-Thailändischen Entwicklungsprojekte verstehen.

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Situation Nordthailands in den 50er und 60er Jahren

Doi Tung ( Königliches Entwicklungsprojekt): Armut / Opium / Prostitution / HIVExponate der Hall of Inspiration, Royal Project, Doi Tung

Zur Zeit des Amtsantritts des seit dem 9. Juni 1946 und bis heute amtierenden Königs von Thailand, Bhumibol Adulyadej (auch: Rama IX.) waren der große Teile Nord- und Nordostthailands durch geographische, infrastrukturelle und kulturelle Barrieren weitgehend von Bangkok und dem es umgebenden Zentralthailand isoliert. Die Bewohner Nordthailands, der Grenzregion zu Burma, setzen sich zusammen aus einer ethnischen Vielfalt von Nordthais, Shan, Chinesen und den Angehörigen einer Vielfalt verschiedener Bergstämme, die bis heute ihren eigenen Kulturen und Sprachen pflegen.

Eine der Folgen der infrastrukturellen Isolation war ein krasses „Wohlstandsgefälle“ von Bangkok und Zentralthailand aus in Richtung Norden und Osten. Einen Weg aus der Armut boten ab den 60er Jahren der Anbau von Mohn und dessen Verarbeitung zu Heroin, welches dann über Bangkok in den Westen, insbesondere in die USA gebracht wurde. Für Frauen gab es eine weitere Einkommensalternative: der Weg in die Prostitution.

Insbesondere die Bergvölker pflegten zu dieser Zeit ein nomadisches Leben, einhergehend mit der dafür typischen Brandrodungs-Agrokultur. Ihre Bambushüttendörfer waren schnell an einem anderen Ort neu aufgebaut. Zurück ließen sie gerodete, ausgelaugte, verbrannte Landstriche. Wo sie hinzogen, fielen immer zuerst die Bäume.

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Die Königlich-Thailändischen Entwicklungsprojekte

„We will reign with righteousness for

the benefit and happiness of the Siamese poeple.

King at the Projects - Der König von Thailand bei seinen Reisen durch das LandKönig Bhumibol Aduldej auf seinen Entwicklungsreisen durchs Land

Zu Beginn der 50er Jahre startete König Bhumibol ein intensives Programm, in dessen Rahmen er das Land jahrzehntelang unermüdlich bis in seine entlegensten Winkel bereiste, um die Situation und Probleme der Menschen vor Ort in Augenschein zu nehmen, über mögliche Abhilfe- und Verbesserungsmaßnahmen nachzudenken und diese dann in die Wege zu leiten und weiter zu begleiten. Die daraus resultierende umfangreiche Reihe von Projekten wird unter dem Oberbegriff Royal Development Projects (Königliche Entwicklungsprojekte) zusammengefasst. Die Projekte decken eine breite Reihe wirtschaftlich-gesellschaftlicher Infrastrukturbereiche ab, namentlich Landwirtschaft, Umwelt, Gesundheitswesen, Förderung von Beschäftigung und Kleinunternehmertum, Wasser-Ressourcen, Kommunikation, öffentliche Fürsorge und mehr.

Was die königlichen Entwicklungsprojekte in Thailand unter vergleichbaren staatlichen Projekten weltweit positiv hervorhebt, sind

  • der genuine Charakter der zugrundeliegenden Motivation (anstelle einer bloßen sozial- und wirtschaftspolitischen Alibi- oder entwicklungspolitischen Reputationsfunktion),
  • die Orientierung an tatsächlichen und vom König persönlich vor Ort erhobenen Notwendigkeiten, Gegebenheiten und Möglichkeiten, und
  • das den Projekten zugrundeliegende humanistische Menschenbild, das den Menschen als Produkt, d.h. im Missstandsfall auch als Opfer seiner Umwelt ansieht, und eben gerade nicht als den Verursacher des Missstands im Sinne des schuldigen Täters. Das Credo der Idee ist demnach die positive Veränderung der Ressourcensituation im Hinblick auf Bildung, Fertigkeiten, Gesundheit, Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur, Umwelt, Besitz von Land und Produktionsmitteln und öffentliches Bewusstsein, um die notwenige Basis für eine gesunde Gesellschaft und florierende Wirtschaft zu schaffen.

Neben den von König Bhumibol persönlich angedachten und begleiteten Projekten, darunter sechs über das ganze Land verteilte Entwicklungsstudienzentren für die Durchführung von Studien, Forschung und Experimenten zur Erstellung von Entwicklungsrichtlinien und -Methoden in Anpassung an die jeweiligen Bedingungen und unterschiedliche Ausgangssituation in den betreffenden Landesteilen.

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Mohnanbau und Opiumverarbeitung in Nordthailand

Opium-Exponate, Schaukasten, Hall of Inspiration, Doi Tung EntwicklungszentrumExponat der Hall of Inspiration, Royal Project Doi Tung, Projekt-Center

Bis in die 60er Jahre gehörten der Anbau von Schlafmohn und die Nutzung des daraus gewonnenen Opiums für medizinische Zwecke sowie als Mittel der Freizeitgestaltung zum mehr oder minder privaten Alltag vieler Bergbewohner Nordthailands. In gewisser Weise könnte man vielleicht sagen, dass der Anbau und Konsum von Opium in dieser Zeit zwar ein integraler Bestandteil der Kultur vieler Bergbewohner Nordthailands waren, aber von genau dieser Kultur auch kontrolliert und in einem sozialverträglichen Rahmen gehalten wurde. Dies sollte sich ab Mitte der 60er Jahre ändern.

Übersichtskarte Goldenes Dreieck Thailand / Burma / Laos (mit Doi Mae Salong)Das Goldenes Dreieck

Das Goldene Dreieck, geographisch gesehen das Dreiländereck aus Thailand, Burma und Laos, hatte begonnen, sich weltweit einen Namen als Produktionsstätte und Quelle für das im Westen, insbesondere auf dem amerikanischen Markt gehandelte Heroin zu machen. Was in konservativen Kreisen lange als Verschwörungstheorie abgetan wurde, ist heute eine historische Tatsache: vor dem Hintergrund des Vietnamkonfliktes wurde der amerikanische Geheimdienst CIA selbst zu einem der bedeutendsten Drahtzieher im internationalen Drogenhandel. Das komplexe und sensible Geflecht von gemeinsamen und konfliktierenden Interessen und der daraus resultierenden Verbündeten und Feinde in Südostasien musste gepflegt (und finanziert!) werden. Wenn man den Werdegang des berüchtigtsten Drogen-Warlords der Region, Khun Sa alias Chang Chi Fu, Sohn eines chinesischen Vaters und einer Shan-Mutter, vom amerikanischen Alliierten zu Amerikas Public Enemy Nr. 1 verfolgt, sind die Parallelen zu den jüngsten historischen Ereignissen um die Figur Osama Bin Ladens kaum zu übersehen.

In Nordthailand war während der 50er Jahre, als Folge des Sieges von Mae Tse Tungs Kulturrevolution in China eine bevölkerungsstarke Gruppe von Chinesen über Burma eingewandert, ehemalige Gegner Maos, nun Verfolgte des neuen, kommunistischen Regimes. Diese hatten in den Bergen Nordthailands eine ganze Reihe von Siedlungen gegründet, von denen Doi Mae Salong die größte und bekannteste ist. Diese Chinesen ergriffen die Initiative auf dem neuen Markt und spielten aufgrund ihrer Verbindungen und ihres Hintergrunds eine Schlüsselrolle in der Organisation von Opiumanbau, -Verarbeitung und -Handel nicht nur in Nordthailand, sondern grenzübergreifend. Andere Bergvölker der Region, viele davon mit Ursprung in China, wie beispielsweise die Hmong, die bislang als Jäger, Sammler und Bauern gelebt hatten, sprangen nur zu gern auf den Zug auf, um sich ebenfalls eine Scheibe von dem neuen vermeintlichen Wohlstand abzuschneiden.

Schlafmohn mit Opium-Poppies im Goldenen Dreieck Thailand / Burma / LaosOpium-Poppies: in Thailand heute nur noch im Museum zu besichtigen

Diese Situation führte bald zu einem für die Bergbevölkerung Nordthailands verheerenden Ergebnis: Nicht nur, dass das Drogengeld letztlich in keinster Weise der Allgemeinheit oder der Region zugutekam, sondern vielmehr von den wenigen Profiteuren ins Ausland geschafft wurde, auch hinterließen die resultierende Massenabhängigkeit von Opium und Heroin in der unwissenden Bevölkerung ein Bild des Elends in den Dörfern und Gemeinden.

Es waren diese Verhältnisse und dieses Elend, das Thailands König bei seinen Reisen in den Norden vorfand, und trotz der überwältigend scheinenden Herausforderung war er fest entschlossen, keine Anstrengungen zu scheuen, dieses Bild von Grund auf zu verändern. Nun konnte man natürlich das Opium verbieten und die einschlägige Gesetzgebung mit Hilfe von Polizei und Militär durchsetzen, und dies wurde auch getan, aber wie nachhaltig sind letztlich blind erzwungene und gegen die Bevölkerung durchgesetzte Veränderungen, und was sollte das wirtschaftliche und soziale Loch füllen, das mit dem Wegfall von Opiumproduktion und -Konsum zwangsläufig entstehen würde?

Als Folge der umfangreichen königlichen Projekte im Sinne von wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit, sozialem und wirtschaftlichem Ausgleich sowie der Errichtung einer allgemein zugänglichen BildungsinfrastrukturHeute sieht man die Spuren der Vergangenheit Nordthailands als Teil des berüchtigten Goldenen Dreiecks heute praktisch nur noch in Museen. Ein Beispiel für die gezielten, weltweit beispiellosen Bemühungen um eine grundsätzliche Veränderung der zugrundeliegenden wirtschaftlichen und sozialen Struktur hin zu etwas sehr viel Besserem ist das königliche Doi Tung Projekt.

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Das Doi Tung Projekt

Königlich-Thailändisches Entwicklungsprojekt, Zentrum Doi TungDoi Tung Projekt-Center: viel zu sehen und zu lernen!

Unter der Patronage der 1995 verstorbenen Königlichen Mutter, Prinzessin Srinagarindra, selbst eine Waise aus armen Verhältnissen, die als Kind in den königlichen Palast aufgenommen worden war, entstand auf dem Doi Tung, im Herzen der Bergwelt Nordthailands und Goldenen Dreiecks, eine königliche Wohnstätte und ein der Entwicklung nachhaltiger alternativer Lebensunterhaltserwerbsoptionen für die lokale Bevölkerung unter einem holistischen und integrierten Ansatz gewidmetes Projektzentrum von insgesamt 150 Quadratkilometern Fläche.

Die Königliche Mutter erkannte, dass die Verbreitung des Anbaus und der Weiterverarbeitung von Opium sowie des damit einhergehenden Drogenhandels und -Konsums in erster Linie ein Symptom der Armut und des Mangels an Möglichkeiten war: “Entwicklung kann nur funktionieren, wenn die Deckung der Grundbedürfnisse gegeben ist. Ohne angemessenes Einkommen haben die Menschen keine andere Wahl als den Wald abzuholzen und sich in anderen illegalen Aktivitäten wie Opiumanbau oder Prostitution zu engagieren.”

Daher begann das Projekt mit der Identifizierung geeigneter Einkommensoptionen in den Bereichen Handwerk und Landwirtschaft, der Vermittlung einschlägiger Fertigkeiten an die einheimische Bevölkerung und nicht zuletzt der aktiven Förderung kollektiver und individueller Unternehmungen zum Einkommenserwerb. Experten aus Thailand und der ganzen Welt wurden hinzugezogen, um basierend auf den lokalen Gegebenheiten und vorhandenen Fertigkeiten geeignete handwerkliche Produkte und landwirtschaftliche Anbaufrüchte zu identifizieren, für deren Verkauf auch ein Markt vorhanden sein würde.

Das Doi Tung Entwicklungsprojektes unterhält Geschäftsbereiche auf den Gebieten Nahrungsmittel, Forstwirtschaft, Garten- und Landschaftsbau, Tourismus und Kunsthandwerk.

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Einzug und Verbreitung der Tee-Kultivierung in Nordthailand

Tee-Garten mit Panorama in Ban Sie Phan Rai auf dem Doi Tung, NordthailandPanorama-Teegarten, Doi Tung, Nordthailand

EINE Sache, die von den königlichen Entwicklungsprojekten und nach Nordthailand gebracht wurde, und die uns im Rahmen unseres Themas Tee aus Nordthailand natürlich ganz besonders interessiert, ist die Kultivierung und Verarbeitung von zu den hiesigen geographischen und geologischen Gegebenheiten passenden Teepflanzen. Thailand selbst und die Thailänder haben keine traditionelle Teekultur.Bis zur Initiative des Königlichen Entwicklungsprojektes war Tee in Nordthailand nur von den Shan und einer Reihe China-stämmiger Bergvölker von wild wachsenden Teebäumen geerntet und für den Eigenkonsum nach althergebrachten, in der Tradition dieser Völker verankerten Methoden zu verschiedenen Variationen grünen und Pu-Errh-artigen Tees verarbeitet worden (siehe hierzu unseren Artikel „Pang Kham – Teedorf im Niemandsland“). Dies sollte sich nun ändern.

Tee-Gärten in Ban Sie Phan Rai, Doi Tung, Collage

Das königliche Entwicklungsprojekt flog Experten aus Taiwan zur Bestimmung geeigneter Teepflanzen-Spezies ein, und diese empfahlen zunächst den Anbau der taiwanesischen Oolong-Tee-Kultivare Jin Xuan Nr.12 und Ruan Zhi Nr.17. Die Initiative fiel ganz besonders bei den chinesischen Einwanderern auf fruchtbaren Boden, die Erfahrung mit dem Anbau und der Verarbeitung von Tee aus ihrem Heimatland mitgebracht hatten und für die Tee ein traditioneller Bestandteil ihrer Kultur war. So verbreitete sich der Anbau der aus Taiwan importierten Teepflanzen sehr schnell in den oben erwähnten chinesischen Siedlungen, mit der ehemaligen Opium-Hochburg Doi Mae Salong als neuer Teehauptstadt des Nordens, deren umliegende Hügel und Hänge heute fast vollständig mit Teegärten bedeckt sind (siehe hierzu auch unsere Artikel „Doi Mae Salong – Zentrum des Teeanbaus in Nordthailand“ und „Reise nach Doi Mae Salong“. Das königliche Projekt half umstellungswilligen Farmern mit Land, Schulung, günstigen Krediten und Teepflanzen aktiv bei der Umstellung von dem als sozial und wirtschaftlich schädlich erkannten Opiumanbau auf die Kultivierung hochwertiger Teesorten.

Teeblume in Ban Sie Phan Rai auf dem Doi Tung, Nordthailand, in der BlüteBlume des Doi Tung Ruan Zhi Oolong Nr. 17

Viel Wasser ist seitdem den Mae-Khong hinunter geflossen. Nordthailand hat sich insbesondere für seine feinen Oolong-Tees einen Namen gemacht, aber auch grüne Tees und in jüngster Zeit ein reicher und milder schwarzer Tee aus Nordthailand, der die Herzen von Tee-Liebhabern weltweit im Sturm erobert, sind heute ein Begriff in der Welt des Tees. Zu den beiden ursprünglichen Kultivaren gesellten sich weitere aus Taiwan importierte Varietäten wie 4 Seasons Oolong Tee, Dong Ding Oolong Tee und Beauty Oolong Tee. Daneben wird heute auch der heimische Vertreter seiner Art gezielt kultiviert und findet weltweit Freunde. Die Begriffe „Doi Tung Tee“ und „Tee aus Doi Mae Salong“ halten zunehmend Einzug in das Vokabular der Fachwelt und auch die Tee-Produktion kleinerer Erzeuger-Kommunen wie des ebenfalls von Chinesen gegründete und besiedelte Städtchens Doi Wawee finden ihren Weg in den Export. Für Teekenner und leidenschaftliche Anhänger dieser Art von Tees war und ist es ganz besonders interessant zu verfolgen, wie die aus Taiwan importierten Tee-Kultivare von Jahr zu Jahr immer mehr ihren eigenständigen Charakter entwickeln und im wahrsten Sinne des Wortes „nach Nordthailand“ schmecken.

Lesen Sie auch den zweiten Teil unserer Doi-Tung-Dokumentation, Die Teegärten des Doi Tung – Auf den Spuren des Königlichen Entwicklungsprojekts.

2 Tee-Blätter + Knospe, Ruan Zhi Oolong Nr.17, Doi Tung, Nordthailand (mini)Ruan Zhi Oolong Nr.17, Doi Tung

2 Teeblätter + Knospe

2 Responses

  1. Pingback : Doi Tung Tee, Teil 2: Die Teegärten des Doi Tung – Auf den Spuren des Königl. Entwicklungsprojekts

  2. Pingback : Si Ji Chun Four Seasons Oolong Tee – 4 Jahreszeiten wie Frühling

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